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Alt 25.02.2017, 22:31   #1
Tanguerrero
Neuling
 
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Registriert seit: 01.08.2007
Beiträge: 40
Standard Die Fabel vom weissen Ysegrin

Die Kälte der hinabfallenden Schneeflocke auf meiner Nasenspitze, längst im Schmelzen begriffen, lässt mich aus einem dumpfen Albtraum erwachen, mit dem Augenschlag bereits vertrieben.

Noch benommen vom Schlaf erfassen meine Sinne die Kälte, die meine liegende Körperseite bis zur Wange berührt. Verstört bin ich, kann ich nur ein blendendes Weiß erkennen. Mein Blick wandert umher. Eine Landschaft im Dämmerschlaf; von einer Schneedecke verhüllt. Ich setze mich auf; noch leicht verloren schaue ich an mir herab. Nicht mehr als eine schmucklose Kutte in aschgrauen Leinen an mir; ein Leichentuch hält die berstende Kälte wundersam von mir. An meinen Füßen Gamaschen aus den selben Laken gehalten von Birkenholz. Widme mich der Umgebung; um mich herum weisse Massen, unberührt und fern. Meereisblumen blitzen hier und dort auf; gesäumt von Grashalmen und Wurzeln von Reif gesprenkelt.

Es bleibt mir nicht als mich in Gang zu setzen; hoffend dass es mir Wärme gibt und es einen Ausweg gibt, ohne zu wissen warum ich hier erwacht bin. Bäume deren Kronen von Schnee erstickt, Äste vom Eis gefroren und Stämme geziert von Eiskristallen. Jeder Schritt mühsam, versinken meine Füße im tiefen Schnee. Eine Stille umgibt diesen Wald und war nur unterbrochen vom Brechen der Äste, die der Last des Schnees nachgaben.

Das Wandern kam mir vor wie Stunden, ohne weit gekommen zu sein. Schon längst taub vom Frost, verloren in einem Dickicht aus Tannen, durchbricht ein Krächzen die Stille wie Kanonenkugeln. Schaue hinauf in den grauen Himmel und erkenne drei schwarze Gestalten die auf mich hinab wirbeln. Drei Kolkraben; schwarz wie der Tod hassen in wilden Flügelschlägen auf mich. Die Luft erfüllt von ihrem heiseren Laut; versuche ich aus dem Tannicht zu brechen und ihnen zu entkommen. Finde mich wieder auf einer Lichtung eingetaucht im weissen Rausch. Die Rabenvögel folgen mir aus den Wolken, klirren durch die Luft auf mich herab. Ihr dunkles Gewand ein Bruch in dieser Welt, wie Schmutz, als sich ihre losen Federn im Schnee verlieren. Unter lautem Geschrei im Sturzflug auf mich, versuche ich ihren Angriff mit meinen Händen abzuwehren. Schnabel durchbohren meine Hand; verdrängen die betäubende Kälte; Klauen kerben Wunden in mich. Dröhnender Schmerz überdeckt jedes frostige Gefühl in mir; die Ruhe längst verflogen im Gefecht. Jäh gehe ich zu Boden im kalten Schnee, ohrenbetäubend ihre Rufe; sinken sie weiter auf mich hinunter und reissen Wunde um Wunde in meine Haut. Das Weisse gestört vom scharlachroten Blut; geschändet in rot und schwarz.

Erst ein tiefes Beben in der Erde durchbricht die Qual; der Angriff lässt nach. Die Augen verschlossen, nehme ich dumpfe Erschütterungen wahr und mit einem Mal schwindet des Krächzen. Augen verschwommen von Tränen, die auf meinen Wangen Eiskristalle hinterlassen, kann ich nur erkennen, dass die Raben verschwunden sind. Im zweiten Augenschlag erkenne ich es; erkenne ich dich. Bist du es, der sie vertrieben hat. Von promethischer Gestalt bist du; immens in deiner Größe. Weisses Fell, wie schneeverhüllt; alabasterweiß bist du eins mit der Umgebung. Eine Schnauze wie ein Baumstumpf; unterbrochen von einer pechschwarzen Nase; dein Fang fest verschlossen von einem schwarzen Strich. Auffallend deine Augen; saphirblauer Ozean zwischen schwarzen Lid. Blau aufleuchtend beschwörend dein Blick, der schwer auf mir liegt und tief in mich eindringt. Wahre Stummheit du bist, umhüllt von Grabesstille. Deine Antlitz erdrückt mich; erstarre wie eine Eissäule. Nie zuvor habe ich etwas anmutiges wie dich gesehen, weisser Ysegrin. Die Ewigkeit in diesem Moment zwischen uns.

Mit einem Augenschlag wendet sich dein Blick von mir ab und reisst mich aus der Endlosigkeit. Keinen Laut gibst du von dir; doch die Atmosphäre erfüllt von deinen Bewegungen. Dein Schnauben in der Luft hinterlässt Nebelschwaden. Dein gewaltiger Körper schreitet in Richtung schneeverhangener Bäume. Nirgends im Schnee hinterlässt du Pfotenspuren. Vielmehr konnte ich auf deinem Weg ein Schmelzen erkennen; wie sich Tau an Pflanzen und Gestrüpp bildet; Tropfen herabrinnen wie Perlensträhnen. Eine Spur diamanten Tränen folgt mit deinem Schnüren. Weit weg dein dumpfes Traben für mich zu hören; jedes Stapfen wie Hufen einer Herde.

Ich bin am Ende meiner Kräfte; tief erschöpft, durchzogen von Wunden und Herzrasen von unserer Begegnung. Inmitten der weissen Hölle verfalle ich in einen toten Schlaf.

Erwache auf meinem Wundbett, meine Verletzungen längst geronnen, bleibt nur pochender Schmerz. Der Schnee eingetaucht in silber-grau, die Nacht ist eingekehrt. Schaue hinauf und erkenne nur ein klares mondloses Firmament frei von Sternen. Mein Blick wandert in den entfernten Hain; erkenne ein schwach pulsierendes blaues Leuchten. Ist es das Leuchten deiner Augen, weisser Ysegrin?

Ich setze mich in Bewegung; verdränge Schmerz und Frost. Die Luft schneidet eiskalt auf meiner Haut, Duftbruch. Es sind wenige, mühsame Schritte die ich gehe, ehe ich die ersten Bäume erreiche. In der Dunkelheit erscheinen sie fremd und bedrohlich; blattlose Kronen wie Gerippe. Einzig das Aufleuchten hüllt alles in einen blauen Samt, der mir Wärme spendet. Beschleunige meinen Schritt, bin verführt von einem mysteriösen Duft.

Kurz darauf erreiche ich den Ursprung des Lichts und des Buketts, verborgen zwischen Dickicht liegst sie da; und ich ergriffen von ihrer Schönheit. Makellos ihre Blütenstände; königsblaue Kronblätter Quell der Erhellung. Kniend auf dem Schneefern funkeln Kristalle im sanften Blauton in tausend Facetten, schwelgend diesem Moment. Unwiderstehlicher Geruch verströmt der Blütenkolben; will ich dir noch näher sein.

Ein Stürmen ist durch den Wald zu hören; Erschütterungen lassen den Schnee ringsum von den Kronen niederfallen. Bin wirr und kann nicht von der Blume lassen, ihr Leuchten blendet mich. Dein Erscheinen wie ein Donnerschlag; weckt mich aus dem Traum, mit deiner Gestalt stützt du dich über die blaue Blume; als wärst du ihr Wächter. Deine blauen Pupillen verziehen sich zwischen schwarzen Schlitzen; dein Maul überzogen von tausend Rissen. Dein Leib schüttelt sich, dröhnend in der Luft und lässt ein Schneegestöber einsetzen. Mit Entsetzen stelle ich fest, dass dein hellelfenbeines Erscheinen nur ein Schneekleid war; darunter offenbart sich schwarzes Fell, finsterer als das der Rabenvögel; von saphirschwarzen Schimmern. Deine Nüstern dehnen sich; lassen Dampf aufsteigen, erinnern an Geysire. Reißzähne wie Eiszapfen entbrennen in deinem Fang, ein markterschütterndes Knurren grollt durch diese wunschlose Dunkelheit. Mit einem Mal stürzt dein riesiger Schlund auf mich herab. Längst am Boden liegend; halte ich meine Hände vor mich. Ein reissender Schmerz fährt in meine Glieder. Meine Sinne schwindend, spüre ich meine Hand nicht mehr. Ein rotes Boket lässt alles nur noch unscharf erscheinen.

Die Wärme des herabströmenden Blutes auf meiner Nasenspitze, längst im Frieren begriffen, lässt mich in einen leeren Schlaf fallen, mit dem Augenschlag bereits vertrieben.
__________________

fenryl.de - Auszug aus dem Leben
lagrimas sebras de un destino clandestino
respalda sobre filo de una alfombra de puñales
ya no pares, todos somos como animales sometidos al peligro
desde las profundidades, por los bares susurran y se ocultan
cargando un triste llanto sintoma de ultimo tango
en el suelo me pianto y al ras del piso voy pasando, otro pasajero soportando
miles de pasajeros

Geändert von Tanguerrero (25.02.2017 um 22:47 Uhr).
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Alt 25.02.2017, 22:39   #2
Tanguerrero
Neuling
 
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Registriert seit: 01.08.2007
Beiträge: 40
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Vorab: Ich entschuldige mich für meinen Doppelpost, man sehe es mir nach. Ich wollte allerdings meine Fabel nicht unterbrechen lassen.

Dachte mir ich hauche diesem Forum etwas Leben ein und hinterlasse eine meiner Kurzgeschichten. Falls es der Nickname und die Signatur nicht verraten: Ich bin auch bekannt als Fenryl Managarm oder früher mal als Q_K_Racha.

Freue mich etwas von euch wenigen verbliebenen zu hören.
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Alt 26.02.2017, 12:50   #3
Chaplin Männlich
Drachentöter
 
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Registriert seit: 04.08.2004
Alter: 29
Beiträge: 5.069
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Huhu, bissl Aktivität ist wirklich nicht schlecht =)

Falls du meine bescheidene Kritik lesen magst:
Dein Schriftstück ist interessant, erschließt sich mir aber nicht wirklich, vor allem, wenn ich mir auf Wikipedia kurz die Definition von Fabel anschaue.

Zitat:
Zitat von Wikipedia
Die Fabel (lateinisch fabula, „Geschichte, Erzählung, Sage“) bezeichnet eine in Vers oder Prosa verfasste, kürzere Erzählung mit belehrender Absicht, in der vor allem Tiere, aber auch Pflanzen und andere Dinge oder fabelhafte Mischwesen menschliche Eigenschaften besitzen (Personifikation) und auch menschlich handeln (Bildebene). Die Dramatik der Fabelhandlung zielt auf eine Schlusspointe hin, an die sich meist eine allgemeingültige Moral (Sachebene) anschließt.
Tiere scheinen Tiere und Pflanzen scheinen Pflanzen bei dir zu bleiben. Der Ich-Erzähler bleibt unbekannt. Und was ist die Moral von der Geschicht'?

Das ist jetzt nicht sonderlich wichtig, ich steh' persönlich eh nicht auf strenge Formvorschriften, aber ein Wiedererkennungswert sollte zumindest da sein. Darüberhinaus finde ich es aber auch schwierig zu erkennen, was die Geschichte mitteilen möchte. Worum geht es dir?
Ich lese da jetzt nur: Aufwachen in der Eiswüste, Angriff der Raben, Rettung durch Ysegrin, Entdecken der Blume, Angriff des Ysegrins.

Worauf ich literarisch allerdings weniger stehe, sind Adjektive, Redundanzen und Widersprüche.
Das fängt leider schon im ersten Satz an. "[H]erabfallende Schneeflocken" ist leicht redundant, weil herauffallen können sie offensichtlich nicht. Außerdem sind Schneeflocken immer kalt, allein weil sie chemisch (physikalisch?) sonst keine Schneeflocken wären. Ich geb zu, dass das ein bissl pedantisch ist, aber mich stört so etwas. Mich stört auch, dass du Kälte und Schmelzen in einem Satz verwendest. Das widerspricht sich. Wenn die Kälte der Schneeflocke dich aufweckt, kann sie nicht bereits schmelzen (allein vom Effekt her, wäre sie dann nie kalt genug, um überhaupt wahrnehmbar zu sein). Wobei sich der Halbsatz "längst im Schmelzen begriffen" grammatikalisch auch nicht auf die Schneeflocke, sondern auf die Kälte bezieht.

So geht es leider weiter. Einer der gröbsten Schnitzer ist, dass du die Kälte beschreibst, die die Seite des Körpers berührt, nur um ein paar Sätze weiter zu erklären, dass das Leichentuch die Kälte abhält.

Und dann die vielen Adjektive... Das kleine Prosa Einmaleins beginnt mit: Die Situation soll sich aus dem Kontext ergeben! Wenn du eine Schneelandschaft beschreibst, weiß der geneigte Leser, dass es kalt ist. Falls du das noch extra betonen möchtest, dann füge Wind hinzu und/oder erwähne die Bekleidung. Aber vermeide Adjektive! Vor allem Adjektive, die dem Nomen keine weitere Bedeutung beimessen (redundant sind), wie z.B. kalte Schneeflocken, tiefes Beben, lautes Geschrei, betäubende Kälte, scharlachrotes Blut...
Oder die mit dem Nomen eigentlich nicht zusammenpassen, wie "Firmament frei von Sternen". Soweit ich weiß, beinhaltet das Firmament die Sterne, da diese eben an diesem befestigt sind (nach der alten Aufassung und dem Ursprung des Wortes). Ähnliches (weil kein Adjektiv) gilt meiner Meinung nach auch für "Dickicht aus Tannen", weil Dickicht eigentlich Unterholz meint. Aber der Duden scheint da nicht sonderlich streng zu sein (siehe Tannicht).

Alles in allem gibst du dir wahnsinnig viel Mühe poetisch zu klingen, was in meinen Augen allerdings die ganze Geschichte verlangsamt, da ich bestenfalls mehr Wörter lesen muss, die nichts aussagen. Dein Stil ist übersättigt, was Beschreibungen angeht und arm an Inhalten, sprich, an dem, was eigentlich passiert. Das ist genau das verkehrte Verhältnis.
Ich mein' (wenn wir schon von Umkehren reden), es ist eine coole Idee, im letzten Satz den ersten umzudrehen (mit den gleichen Fehlern ; )), aber der Inhalt ist leider Null.
Ich würde dir empfehlen, die ganze Geschichte zu nehmen und ALLE Adjektive zu entfernen. (Das ist nebenbei nicht unbedingt mein Tipp, sondern kommt von vielen Autoren und Autorinnen wie Stephen King, Andreas Eschbach und Elizabeth George). Der nächste Schritt ist, die Geschichte aktiv zu schreiben. Es wird also etwas getan und nicht, es passiert etwas (also kein "lässt mich erwachen", sondern "ich wache auf"). Das liest sich spannender und ist meistens kürzer. Dann bitte nochmal posten, ich wär' gespannt drauf!
__________________
"If your life had a face, I'd punch it."

Geändert von Chaplin (26.02.2017 um 13:03 Uhr). Grund: Antworten und Vorschau verwechselt
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